Frankfurt. Seit Mittwoch sind neue EU-Sanktionen gegen russische Ölprodukte in Kraft – sie könnten große Auswirkungen auf den Markt haben. Denn die neuen Maßnahmen betreffen Ölprodukte aus russischem Rohöl, die aus Drittländern nach Europa kommen.
Das heißt zum Beispiel: EU-Unternehmen dürfen keine Ölprodukte mehr aus indischen Raffinerien beziehen, die russisches Rohöl verarbeitet haben. Indien gehört seit Beginn des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine zu einem der wichtigsten Diesellieferanten Europas.
Dass Europa somit indirekt weiterhin große Mengen Öl aus Russland bezieht, war ein offenes Geheimnis. Die Ölsanktionen, unter anderem der Preisdeckel, waren so konzipiert, dass Russlands Öleinnahmen zwar sinken, sich der Ölmarkt aber nicht verengt. Denn zu hohe Ölpreise hätten das Wirtschaftswachstum Europas zu stark beeinträchtigt.
Doch mittlerweile schwächeln die Ölpreise, weil ein Überangebot auf dem Markt herrscht. Die EU kann ihre Sanktionen nun verschärfen.
Die neuen Maßnahmen dürften den größten Einfluss auf den Ölhandel seit dem EU-Verbot direkter Rohöl- und Produktimporte aus Russland in den Jahren 2022/23 haben, prognostiziert Benedict George, Experte für den europäischen Ölmarkt bei der Preisberichtsagentur Argus Media.
„Zugleich zählen sie aber zu den kompliziertesten“, schreibt er. „Sie führen zu einer Vielzahl unterschiedlicher Auslegungen (…) und könnten in den kommenden Wochen starke Preisbewegungen auslösen.“
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Denn die EU wende die neuen Sanktionen einerseits nur auf Produkte an, die unter den Zolltarifcode CN2710 fallen. Demnach seien viele Produkte davon ausgenommen, etwa Bitumen, das im Straßenbau verwendet wird. Nach den neuen Maßgaben definiert die EU andererseits Produkte dann als sanktionsfähig, wenn sie innerhalb von 60 Tagen nach Eingang des russischen Rohöls in derselben Verarbeitungsanlage wieder verladen werden.
Der Hintergrund: Durch Labortests lasse sich nicht überprüfen, ob Produkte aus russischem Rohöl raffiniert wurden, wie Argus-Experte George erklärt. Daher sei die EU auch bereit, zwischen Produktionslinien derselben Raffinerie zu unterscheiden. Das bedeute: Wenn das Produkt aus einer Produktionslinie stamme, die in den letzten 60 Tagen kein russisches Rohöl erhalten habe, könne es in die EU geliefert werden.
Doch: Einige private Akteure würden laut George eine wesentlich restriktivere Linie verfolgen. So hätte beispielsweise die Organisation Energy LEAP, in der unter anderem große Ölkonzerne zusammenarbeiten, eine Mustervertragsklausel veröffentlicht, die keine Unterscheidung zwischen Produktionslinien derselben Raffinerie zulässt.
Wie stark sich die Sanktionen auf die Märkte auswirken, hänge zudem von der Reaktion der Raffinerien außerhalb der EU ab. So habe der indische Konzern Reliance als Betreiber der weltgrößten Raffinerie erklärt, kein russisches Rohöl mehr in dem Segment einzusetzen, dessen Produkte in die EU exportiert werden. Zwei andere, für Europa wichtige Raffinerien, würden allerdings weiterhin russisches Rohöl verarbeiten.
„Kurzfristig könnte es in der EU zu plötzlichen und erheblichen Veränderungen bei Angebot und Preisen kommen“, prognostiziert George.
Am stärksten sei dabei der Markt für Flugkraftstoff betroffen. Denn Reliance sei hier ein wichtiger Lieferant, doch einige Unternehmen schließen Reliance-Produkte unabhängig davon, ob sie sich an die EU-Regeln halten, kategorisch aus. Die Folge: „Bald könnte es zwei Preise für Flugtreibstoff in der EU geben – einen für Käufer von Reliance-Ware und einen für alle anderen.“
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Originally published at Handelsblatt




