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Wie Eventisierung den Literaturbetrieb stresst

Das Büchercafé “Kapitel Drei” in Hamburg hatte schon viele prominente Gäste aus der Literatur-Szene zu Gast: Tara-Louise Wittwer, Ruth-Maria Thomas oder auch Saša Stanišić. Die beiden Inhaberinnen Nora Batinić und Helena Gerwin freuen sich über jeden Abend mit angesagten Schriftstellern. Doch finanziell lohnen sich diese Veranstaltungen für die beiden nicht.

“Am Anfang haben wir manchmal Lesungen gemacht mit den gängigen 500 Euro Honorar, aber wir haben schnell gemerkt, dass sich das für uns überhaupt nicht rentiert”, sagt Nora Batinić. Das kleine Café hat maximal 30 Plätze. Die Inhaberinnen wollen die Ticketpreise für die Lesungen niedrig halten. Maximal 18 Euro soll ein Ticket kosten, lieber acht bis 15 Euro. Um diese Ticketpreise zu halten, haben Batinić und Gerwin bei den Lesungen manchmal im Café gearbeitet, ohne sich selbst Geld auszuzahlen, erzählen sie. Ein Konzept, das auf Dauer nicht trägt.

500 Euro sind das Mindesthonorar für Lesungen, wenn es nach dem Verband deutscher Schriftsteller*innen geht. Eine angemessene Vergütung, betont “Kapitel Drei”-Inhaberin Nora Batinić, aber für kleine Läden kaum bezahlbar. “In manchen Fällen kommen uns auch die Autor*innen entgegen und sagen, sie mögen den Laden so gerne und machen das vielleicht umsonst”, sagt Batinić. Ein Privileg, das man sich in der Literaturwelt aber erst mal leisten können muss.

Würden Autoren gern 500 Euro Honorar zahlen: Nora Batinić und Helena Gerwin vom Hamburger Literatur-Café “Kapitel Drei”

Gerade mal zwei Prozent der Autorinnen und Autoren können ausschließlich von ihrer Arbeit leben, sagt Lena Falkenhagen vom Verband deutscher Schriftsteller*innen. Das geht aus einem Datenreport hervor, den der Verband in Auftrag gegeben hat. Bei dem Report wurden Einkommenssteuer- und Umsatzsteuerdaten sowie Daten der Künstlersozialkasse ausgewertet. Um gut von der Literatur leben zu können, müsse ein Autor oder eine Autorin mittlerweile pro Jahr zwei bis vier Bücher auf den Markt bringen, sagt Falkenhagen.

Für viele in der Branche bedeutet das: Sie brauchen neben dem Bücherschreiben einen anderen Job, um ihre Miete zu bezahlen. Zuletzt hatte Schriftstellerin Bettina Wilpert für Schlagzeilen gesorgt, als sie bekannt gab, neben dem Schreiben Deutsch zu unterrichten. Den Job kündigte sie wenig später zwar wieder. Ihre Kritik blieb jedoch dieselbe: Es sei immer schwerer von der Literatur zu leben.

Auch Dinçer Güçyeter, Preisträger der Leipziger Buchmesse, hatte stets einen Brotjob: “Mal war ich als Küchenhilfe, mal als Gabelstaplerfahrer tätig, hatte meine Nebenjobs. Diese Arbeit hat mir auch eine bestimmte Sicherheit mitgegeben”, erzählt er. Anders als andere aus der Literaturbranche habe er nie ausschließlich von der Literatur leben wollen.

Der Schriftsteller Dinçer Güçyeter vereinbart flexible Honorare mit.

Er weiß, dass viele in der Szene keine hohen Honorare zahlen können und bleibt flexibel. “Ich gehe mit jeder Anfrage anders um. Wenn ich eine Anfrage von einem Literaturhaus bekomme oder von einer Stiftung, habe ich ein festes Honorar: im Durchschnitt sind das 1.000 bis 1.200 Euro plus Mehrwertsteuer, plus Reisekosten und Übernachtung”, sagt er. Bei Anfragen von beispielsweise kleineren Buchläden komme er den Einrichtungen oft entgegen. “Wir sitzen alle im gleichen Boot”, sagt der Schriftsteller.

Auf der anderen Seite gibt es die großen Stars im Geschäft. Laut Berechnungen des Verbands deutscher Schriftsteller*innen gibt es in Deutschland etwa 40 Buchmillionäre. Einige in der Branche scheinen sich auch für ihre Auftritte gut bezahlen zu lassen.

“Wir erleben, wie die Literaturveranstaltungen boomen. Und wir erleben diese Eventisierung”, sagt Johannes-Peter Herberhold vom Göttinger Literaturherbst. Es sei mittlerweile gang und gäbe, dass erfolgreiche Autorinnen und Autoren mit Agenturen zusammenarbeiten, die Prozente-Deals mit den Veranstaltern aushandeln.

Neben Ferdinand von Schirach, T. C. Boyle und Sebastian Fitzek gehört Caroline Wahl zu den Spitzenverdienerinnen der Branche.

Diese Entwicklung beobachten auch andere Literaturhäuser mit Sorge. Das Problem: Bei Prozente-Deals gibt es für den Autor oder die Autorin kein festes Honorar, sondern eine Beteiligung am Ticketpreis. Für die Literaturhäuser bedeuten diese Prozente-Deals oft, dass weniger Geld für sie übrigbleibt. Dabei sei das Geld, das durch die großen Namen eingespielt wird, dafür vorgesehen, andere Veranstaltungen mitzufinanzieren. Das werde zunehmend schwerer, sagt Stefanie Stegmann vom Literaturhaus Stuttgart.

Einige wenige Autoren rufen laut Johannes-Peter Herberhold vom Göttinger Literaturherbst auch Honorare auf, die völlig aus dem Rahmen fallen. Herberhold nennt als Beispiel Ferdinand von Schirach. Dessen Agentur Meistersinger hat laut Angaben von Herberhold für Auftritte mit seinem letzten Buch 25.000 bis 50.000 Euro verlangt. Die Agentur, die auch Lesungen von Stars wie Martin Suter oder dem US-amerikanischen Autor T.C. Boyle organisiert, reagierte weder auf Interviewanfragen noch auf einen ausführlichen Fragenkatalog.

Für alle sichtbar sind die hohen Eintrittspreise, die die Superstars verlangen. Bis zu 110 Euro kosten Premium-Tickets für eine Lesung mit Ferdinand von Schirach. Der US-amerikanische Autor T.C. Boyle verlangte 2017 für seine Deutschland-Termine noch meist etwa 15 Euro bis 20 Euro. Für sein Tourprogramm 2025 hatten sich die Ticketpreise verdoppelt bis verdreifacht.

Dass große Namen mehr verdienen als kleine Namen, ist nichts Neues. Doch die Schere in der Literaturbranche ist groß – genauso wie die Angst, dass dieses Ungleichgewicht der kulturellen Vielfalt schadet. “Für die kleineren Produktionen ist es wirklich schwierig“, sagt Herberhold. “Wenn man sich das nicht mehr leisten kann, ist man irgendwann in einer Position, wo es zu kulturellen Einschränkungen kommt, weil einfach die Vielfalt nicht mehr gegeben ist. Und das wäre schade.”

Dieses Thema im Programm: NDR Kultur | NDR Kultur Der Morgen | 23.01.26 | 06:05 Uhr

Originally published at Tagesschau

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