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YouTube-Chef Andreas Briese im Kinder-Interview: »Wir haben über elf Millionen Videos entfernt«

DEIN SPIEGEL: Als YouTube vor 20 Jahren gegründet wurde, waren wir noch nicht mal geboren. Wie sah das Internet damals aus?

Briese: Ein Video aufzunehmen und mit anderen zu teilen, war viel schwieriger als heute: Man musste es auf eine CD brennen und die dann per Post verschicken oder selbst vorbeibringen. Wer viele Menschen erreichen wollte, musste zu einem Fernsehsender gehen und hoffen, dass sie es ausstrahlen. Das war kompliziert. Deshalb entwickelten die Gründer von YouTube eine Plattform, auf der man selbst etwas hochladen konnte. So wurde es für jeden möglich, ein großes Publikum zu erreichen.

DEIN SPIEGEL: Heute gibt es auf YouTube Milliarden Videos. Was findet man denn auf Ihrer Startseite?

Briese: Meine Startseite ist gerade voller Mathe-Formeln. Das liegt daran, dass ich drei Kinder habe, sie sind 14, 16 und 18 Jahre alt. Ich helfe ihnen oft bei den Hausaufgaben, deshalb schaue ich viele Erklär-Kanäle wie die von Lehrer Schmidt und Daniel Jung.

DEIN SPIEGEL: Wie wird entschieden, was einem zum Anschauen vorgeschlagen wird?

Briese: Unser Ziel ist es, dass Menschen gern Zeit auf YouTube verbringen und immer wieder zurückkehren. Was vorgeschlagen wird, hängt zum Beispiel davon ab, was ihr zuletzt angesehen habt und was andere angeschaut haben. Wir wollen Videos finden, die euch gefallen könnten. Gleichzeitig versuchen wir, vorherzusagen, was euch Neues interessieren könnte. Dahinter steckt ein Algorithmus.

DEIN SPIEGEL: Können Sie es so erklären, dass jeder es versteht: Was ist ein Algorithmus, und wie funktioniert er?

Briese: Das ist eine Anleitung für den Computer, dass er etwas in einer bestimmten Reihenfolge tun soll. Der Algorithmus für unsere Empfehlungen sammelt Informationen, wertet sie aus und entscheidet dann, was dir als Nächstes gezeigt wird. Wenn du zum Beispiel viele Erklärvideos für die Schule schaust, bekommst du wahrscheinlich mehr Nachhilfe-Kanäle vorgeschlagen, die dazu passen.

DEIN SPIEGEL: Gibt es Regeln, was man hochladen darf und was nicht?

Briese: YouTube hat klare Regeln: Hassrede, Gewalt oder Belästigung sind zum Beispiel verboten, solche Beiträge werden entfernt.

DEIN SPIEGEL: Wer überprüft das alles?

Briese: Es werden etwa 500 Stunden Material pro Minute hochgeladen. Menschen allein könnten sich das nicht alles anschauen. Die Videos werden mit einem Computerprogramm analysiert, das auf den Titel, die Beschreibung, die Kommentare und die Bilder achtet. Wenn etwa Gewalt, Explosionen oder viel Blut zu sehen sind, erkennt das Programm es. Fällt etwas auf, geht der Beitrag an Menschen, die entscheiden, ob er gelöscht wird.

Klimakrise, Handyverbot, Wehrpflicht. Junge Menschen sind davon stark betroffen, doch in politische Entscheidungen werden sie selten eingebunden. Warum das ein Problem ist und wie sich fünf Kinder und Jugendliche dennoch einbringen, steht in der neuen Ausgabe von DEIN SPIEGEL, dem Nachrichten-Magazin für Kinder. Außerdem im Heft: Wie Donald Trump die US-Demokratie beschädigt. Und: Biathletin Selina Grotian über ihre Vorbereitung auf die Olympischen Winterspiele. DEIN SPIEGEL gibt es am Kiosk, ausgewählte Artikel online. Erwachsene können das Heft auch hier kaufen:

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DEIN SPIEGEL: Ist YouTube also frei von gefährlichen Inhalten?

Briese: Allein zwischen April und Juni 2025 haben wir über elf Millionen Videos entfernt, die gegen unsere Regeln verstoßen haben. Wir erfassen und veröffentlichen außerdem, wie häufig die Videos angesehen werden, bevor wir sie löschen. Das Ergebnis: Von 10.000 YouTube-Aufrufen landeten etwa 15 bei Videos, die gegen unsere Regeln verstoßen haben.

DEIN SPIEGEL: Aus Sicht unserer Eltern ist vieles auf YouTube für Jugendliche in unserem Alter gar nicht geeignet. Wir haben zum Beispiel schon Szenen aus Filmen ab 16 auf der Plattform gesehen. Manchmal starten die Clips sogar von allein, ohne gewählt worden zu sein.

Briese: Wenn ihr unter 16 seid, dürft ihr eigentlich in der Standard-App nicht angemeldet sein – es sei denn, eure Eltern erlauben es. In diesem Fall verwalten sie eure YouTube-Nutzung. Das bedeutet, euch stehen weniger Inhalte zur Verfügung, und eure Eltern können den Zugang beschränken.

DEIN SPIEGEL: Viele Kinder schauen allerdings einfach, ohne angemeldet zu sein – oder über die Geräte der Erwachsenen.

Briese: Wir empfehlen, ein Konto unter Elternaufsicht für Kinder anzu­legen. So können Familien alle Funktionen nutzen, die Kinder schützen. Manche Inhalte sind für Zuschauer unter 18 Jahren ungeeignet. In solchen Fällen legen wir eine Altersbeschränkung für das Video fest. Nutzende, die minderjährig oder nicht angemeldet sind, können diese Inhalte nicht ansehen.

DEIN SPIEGEL: Welche Regeln gibt es bei Ihnen zu Hause?

Briese: Meine Kinder haben eigene Accounts mit Altersangabe, die mit meinem verknüpft sind. So kann ich mitbestimmen, was sie sehen dürfen und was nicht. Wir haben Regeln: eine halbe Stunde am Tag, kein YouTube nach 20 Uhr oder vor der Schule. Aber jede Familie ist anders. Darum hat YouTube Funktionen entwickelt, die Jugendlichen und Familien Auswahl und Kontrolle geben, damit sie entscheiden können, was für sie richtig ist.

DEIN SPIEGEL: Haben Sie schon mal selbst etwas hochgeladen?

Briese: 2008, als ich bei YouTube angefangen habe, habe ich ein Vorstellungsvideo hochgeladen. Es war lustig, aber ich glaube, es ist jetzt auf privat gestellt.

DEIN SPIEGEL: Wenn Sie heute 18 wären, würden Sie YouTuber werden?

Briese: Das habe ich mich auch schon gefragt. Ich würde auf jeden Fall trotzdem studieren. Nach dem Abitur habe ich Physik, Mathematik und BWL studiert, das fand ich spannend, und ich würde es wieder so machen. Mit meinem heutigen Wissen könnte ich mir vorstellen, Content-Creator zu Wissenschaftsthemen zu werden.

DEIN SPIEGEL: Wie wird man eigentlich so berühmt wie MrBeast? Gibt es da ein Geheimnis?

Briese: Erfolg erfordert oft Geduld und harte Arbeit. Auch MrBeast hat mit einem Video begonnen und hat sich seine Fangemeinde über 15 Jahre lang aufgebaut. Falls das euer Berufswunsch sein sollte: Das Wichtigste ist, ein Thema zu wählen, das euch wirklich interessiert – egal ob Musik, Wissenschaft oder Sport –, und regelmäßig Neues hochzuladen. Lernt aus Feedback, und mit der Zeit versteht ihr eure Zielgruppe besser. Wenn ihr mehr Aufrufe bekommt, könnt ihr durch Werbeeinnahmen Geld verdienen und in Ausrüstung investieren. Schneller Erfolg ist selten, aber mit Geduld und Kreativität kann es klappen.

DEIN SPIEGEL: Wird es immer Menschen geben, die neue Videos drehen? Oder wird das meiste eines Tages mit künstlicher Intelligenz erstellt sein?

Briese: Es gibt mittlerweile viele Tools, denen man Befehle geben kann wie: »Mach einen kleinen Film, in dem zwei Wassergläser auf dem Tisch Walzer tanzen.« Es wird sicher mehr KI geben, aber es braucht auch immer einen Menschen, der sie bedient und eine Anfangsidee hat.

DEIN SPIEGEL: Ob ein Video echt oder KI ist, kann man manchmal nur sehr schwer unterscheiden. Woran will YouTube erkennen, ob künstliche Intelligenz im Spiel war?

Briese: KI-Inhalte werden bei uns wie normale Videos behandelt. Das heißt, wir wenden unsere Regeln auf alle Inhalte an, unabhängig davon, ob sie von einer KI erstellt wurden oder nicht. Wir verlangen jedoch von den Machern, anzugeben, ob realistisch aussehende Inhalte mithilfe von Programmen erstellt oder verändert wurden. Solche Hinweise erscheinen in den Beschreibungen – und bei Themen wie Gesundheit, Nachrichten oder Wahlen auch direkt im Video.

DEIN SPIEGEL: Kann es sein, dass YouTube-Stars bald keine Menschen mehr sind?

Das ist durchaus möglich. Solange der Kanal die YouTube-Regeln einhält, ist er erlaubt. Die Technologien zur Content-Erstellung haben sich ständig weiterentwickelt, und das wird auch in Zukunft so sein. Aber Geschichten von und über Menschen kommen immer noch am besten an.

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Originally published at Der Spiegel

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