Uncategorized

Ein rätselhafter Patient: Er kann nicht aufhören zu kratzen

Seit einigen Tagen geht es dem kleinen Jungen nicht gut: Er hat immer wieder Fieber. Seiner Mutter fällt auf, dass der Kleine weniger isst und trinkt als sonst. Er bekommt einen juckenden Ausschlag, der sich von den Füßen aus immer weiter ausbreitet. Zweimal schon war sie mit ihm deshalb im Krankenhaus. Doch die Ärzte können nichts Auffälliges feststellen, sie glauben, er hatte Kontakt mit einer allergieauslösenden Pflanze. Die Fachleute schicken den Jungen mit einem Mittel gegen Allergien und Kortisontabletten nach Hause und vereinbaren einen Kontrolltermin. Das Kortison gibt die Mutter dem Kind allerdings nicht.

Einen Tag, nachdem er das letzte Mal das Krankenhaus verlassen hatte, steigt das Fieber wieder auf über 40 Grad und sinkt auch nicht, obwohl die Mutter ihm Paracetamol und Ibuprofen gibt. Der Fünfjährige hört nicht mehr auf, sich zu kratzen und weigert sich, selbst zu gehen. Wieder entscheidet sich die Mutter, Hilfe im Krankenhaus zu suchen, dieses Mal in der Notaufnahme des Massachusetts General Hospital, wie die dortigen Ärztinnen und Ärzte im Fachblatt »The New England Journal of Medicine « berichten.

Dass es dem Kleinen nicht gut geht, sehen sie sofort: Der Fünfjährige wirkt krank, er hat erhöhte Temperatur. Bei der körperlichen Untersuchung entdecken die Mediziner einen geschwollenen Lymphknoten am Hals des Kindes. Seine Bindehäute und auch sein rechtes Trommelfell sind gerötet. Als sie ihm in den Mund schauen, sehen sie rote Flecken am Gaumen und den Wangen. Der Junge hat einen rötlichen Ausschlag, der die Handinnenflächen und Fußsohlen ausspart und sich nicht wegdrücken lässt. Seine Hände und Füße sind geschwollen. Am Po, dem unteren Rücken, Armen und Ohren hat er Papeln – kleine, knötchenhafte Hauterscheinungen – auf denen Hautabschürfungen zu sehen sind.

Ist eine Zecke schuld?

Blutdruck, Herzfrequenz und Sauerstoffsättigung sind normal. Das Kind klagt nicht über Hals- oder Bauchschmerzen, ihm ist nicht übel, und er musste sich auch nicht übergeben. Der Fünfjährige hatte in der Vergangenheit an Eisenmangel und Verstopfung gelitten. Ab und zu hat er mit Asthma zu kämpfen und benutzt bei Bedarf deshalb einen Inhalator. Er hat alle für sein Alter empfohlenen Impfungen erhalten.

Die Ärztinnen und Ärzte nehmen dem Jungen Blut ab. Einige Werte deuten auf eine Infektion hin: Der Entzündungswert CRP ist leicht erhöht, genauso wie die sogenannte Blutsenkungsgeschwindigkeit. Die Analyse der weißen Blutkörperchen ist auffällig.

Ein Ausschlag im Zusammenhang mit einer Infektion ist bei kleinen Kindern nicht selten, er könnte auf verschiedene Erreger hinweisen. Hat sich das Kind womöglich mit Meningokokken infiziert? Bei solch einer Infektion sieht der Ausschlag jedoch typischerweise anders aus, außerdem verschlimmert sich der Zustand der kleinen Patientinnen und Patienten meist innerhalb weniger Stunden. Der kleine Junge aber kämpft bereits seit Tagen mit seinen Symptomen.

Kurz bevor die Symptome begonnen hatten, hatte er einige Zeit in einem Sommercamp verbracht und war entsprechend viel draußen unterwegs. Wurde er vielleicht von einer Zecke gebissen und dadurch mit einem Erreger infiziert? Die Ärztinnen und Ärzte denken an das Rocky-Mountain-Fleckfieber. Anders als der Name vermuten lässt, kommt die Krankheit praktisch in den gesamten USA vor. Sie wird durch das von Zecken übertragene Bakterium Rickettsia rickettsii verursacht und sorgt bei den Betroffenen für hohes Fieber, Kopfschmerzen und Ausschlag. Auch die geröteten Bindehäute und geschwollenen Hände und Füße des Kindes könnten auf die Erkrankung hindeuten.

Weil das Rocky-Mountain-Fleckfieber vor allem bei kleinen Kindern sehr schwer und sogar tödlich verlaufen kann, geben die Ärztinnen und Ärzte ihrem kleinen Patienten vorsorglich sofort ein spezielles Antibiotikum, bis feststeht, woran er tatsächlich leidet. Zusätzlich erhält er Kortisontabletten.

Auf der Liste der möglichen Ursachen steht auch Krebs. Die roten Flecken, das Fieber und auch die Weigerung zu gehen, könnten Hinweise auf eine Leukämie sein. Jedoch müssten dann auch noch andere Blutwerte auffällig sein, das ist zum Glück nicht der Fall.

Ein ernster Verdacht

Die Fachleute denken deshalb auch an eine mögliche entzündliche Multisystemerkrankung, besser bekannt als PIMS (Pediatric Inflammatory Multisystem Syndrome). PIMS ist eine Fehlreaktion des Immunsystems, die bei Kindern nach Infektionen mit dem Coronavirus auftritt und lebensbedrohlich werden kann. Ob ihr kleiner Patient infiziert war, wissen die Fachleute nicht. Und auch die Tatsache, dass der Junge keine Probleme mit Organen wie der Leber oder dem Magen-Darm-Trakt hat, spricht gegen PIMS.

Sie machen bei ihrem Patienten ein sogenanntes Herzecho – einen umfangreichen Ultraschall des Herzens. Denn seine Symptome könnten auch auf das Kawasaki-Syndrom hindeuten, bei dem die kleinen und mittleren Arterien im Körper entzündet sind und auch das Herz betroffen sein kann. Fachleute sprechen von einer Vaskulitis. Das Kawaski-Syndrom tritt fast ausschließlich bei Babys und Kindern unter fünf Jahren auf. Glücklicherweise ist die Untersuchung aber unauffällig.

Damit erhärtet sich aber ein weiterer Verdacht, den die Bostoner Ärztinnen und Ärzte haben: Leidet das Kind womöglich an einer sogenannten Immunglobulin A Vaskulitis? Auch hier kommt es zu einer Entzündung der Blutgefäße, jedoch insbesondere der Haut, des Magen-Darm-Trakts und der Nieren. Der Name rührt daher, dass sich in den Gefäßen Immunkomplexe ablagern, die Immunglobulin A enthalten und eine Entzündung auslösen. Vereinfacht gesagt entstehen Immunkomplexe als Reaktion auf eine Immunantwort des Körpers auf eine Bedrohung, etwa Bakterien oder Viren. Sie enthalten Antigene und den entsprechenden Antikörper.

Die Krankheit ist auch als Purpura-Schönlein-Henoch oder Schönlein-Henoch-Syndrom bekannt. Die genaue Ursache ist nicht klar. Häufig hatten Betroffene kurz zuvor einen Atemwegs- oder Magen-Darm-Infekt, auch Medikamente werden als Auslöser diskutiert. Neben dem Hautausschlag zeigt sich die Erkrankung häufig mit Bauchschmerzen, Übelkeit, Erbrechen und auch Gelenkschmerzen.

Möchte der Fünfjährige also womöglich nicht mehr laufen, weil er Schmerzen hat? Eine IgA-Vaskulitis heilt meist von allein ab, wenn allerdings die Gefäße der Nieren beteiligt sind, besteht die Gefahr einer langfristigen Nierenschädigung.

Symptome, die nicht recht passen

Üblicherweise ist die Krankheit wegen des typischen Hautausschlags recht leicht zu diagnostizieren. Doch einige Symptome des Jungen sind nicht ganz eindeutig. So ist sein Ausschlag deutlich stärker als in den meisten Fällen, wie die Fachleute schreiben. Hinzu kommt die Jahreszeit: Die meisten Fälle der IgA-Vaskulitis treten im Herbst und Winter auf – wenn auch Infekte häufiger sind. Doch dieser Patient kam im Sommer in die Notaufnahme vor.

Die Ärztinnen und Ärzte entscheiden sich deshalb, eine Biopsie zu machen, also eine kleine Probe der Haut zu nehmen. Und tatsächlich zeigen die Ergebnisse: Das Kind leidet an einer IgA- Vaskulitis.

Das Antibiotikum, das der Junge vorsorglich erhalten hat, wird nun abgesetzt. Zwar verschwindet sein Fieber im Krankenhaus schnell, doch sein Ausschlag verschlimmert sich weiter. Es entwickeln sich Bläschen, die sich später auch mit Blut füllen und dunkel verfärben. Am vierten Tag im Krankenhaus bekommt der Junge zusätzlich Bauchschmerzen, auch seine Beine schmerzen. Er entwickelt Wassereinlagerungen im Gesicht und im Intimbereich. Daraufhin erhält er kurzzeitig Kortison über die Vene, und sein Zustand bessert sich.

Das Kind wird mit Kortisontabletten, die er für drei weitere Wochen nehmen soll, nach Hause entlassen. Eine Woche später hat er keine Schmerzen mehr, und auch seine Haut heilt langsam ab.

Bei einer Kontrolle sechs weitere Monate später hat der Junge keine Beschwerden mehr. Nichts deutet auf Folgeschäden hin.

Originally published at Der Spiegel

LEAVE A RESPONSE

Your email address will not be published. Required fields are marked *