Bisher hat jeder Arbeitnehmer in Deutschland grundsätzlich das Recht auf Teilzeitarbeit, einem Medienbericht zufolge will der Wirtschaftsflügel der CDU diesen Rechtsanspruch kippen. Wie das Magazin »Stern« am Sonntag berichtete , soll auf dem Bundesparteitag der Christdemokraten Ende Februar ein entsprechender Antrag beschlossen werden.
Dem Antrag, der dem »Stern« vorliegt, hat die Mittelstands- und Wirtschaftsunion (MIT) den Titel »Kein Rechtsanspruch auf Lifestyle-Teilzeit« gegeben. Darin fordert sie, dass für den Rechtsanspruch, freiwillig in Teilzeit zu arbeiten, eine »besondere Begründung« vorliegen muss.
Besondere Gründe könnten etwa die Erziehung von Kindern, die Pflege Angehöriger oder Weiterbildungen sein. Freiwillige Teilzeitarbeit ohne Betreuungspflichten hingegen soll nicht mehr möglich sein.
»Wer mehr arbeiten kann, sollte mehr arbeiten«, sagte die MIT-Vorsitzende Gitta Connemann dem »Stern«. Es gäbe einen dramatischen Fachkräftemangel. Deshalb dürfe »freiwillige Teilzeit aus Gründen der individuellen Lebensgestaltung« nicht dauerhaft durch den Sozialstaat abgesichert werden.
Bisher haben Arbeitnehmer in Deutschland grundsätzlich das Recht, freiwillig in Teilzeit zu arbeiten. Dafür muss das Arbeitsverhältnis lediglich mehr als sechs Monate bestehen, und der Arbeitgeber muss mehr als 15 Mitarbeiter beschäftigen. Soweit betriebliche Gründe dem Wunsch nach Teilzeitarbeit nicht ausdrücklich entgegenstehen, muss ein Unternehmen zustimmen. »Die Solidargemeinschaft darf nicht die Work-Life-Balance von Aufstockern finanzieren«, heißt es in dem Antrag weiter.
CDU-Sozialflügel widerspricht Wirtschaftsflügel
Der Vorstoß des CDU-Wirtschaftsflügels stößt in der eigenen Partei auf Kritik. »Mit einer solchen Einschränkung zäumen wir das Pferd von der falschen Seite auf«, sagte der Vorsitzende des CDU-Sozialflügels, Dennis Radtke, den Funke-Zeitungen. »Aus guten Gründen haben wir uns als CDU immer für maximale Wahlfreiheit ausgesprochen.«
Zwar würde auch er sich wünschen, dass mehr Menschen in Teilzeit, die sie oft als Teilzeitfalle empfinden, wieder auf Vollzeit wechseln, fuhr Radtke fort. »Dafür müssen wir aber die Rahmenbedingungen bei Kinderbetreuung und Pflege verbessern, die dies bislang an manchen Stellen unmöglich machen.«
Teilzeit auf Pflege und Kinder zu begrenzen hieße laut Radtke auch, »zu definieren, bis zu welchem Alter und welchem Pflegegrad dies als nötig erachtet wird«. Das jedoch »kann und soll jede Familie für sich selbst entscheiden«.
Fast 30 Prozent der Deutschen arbeiten in Teilzeit
Zuletzt hatte etwa der Vorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Andreas Gassen, kritisiert, dass Menschen, die freiwillig weniger arbeiten, um mehr Freizeit zu haben, weniger in die Sozialsysteme einzahlen, aber die vollen Leistungen beziehen.
2024 haben in Deutschland laut Statistischem Bundesamt 29 Prozent der Deutschen in Teilzeit gearbeitet – mehr als je zuvor. Gerade Frauen machen von dem Modell Gebrauch. Demnach arbeitete mit 49 Prozent fast jede zweite Frau in Teilzeit, bei den Männern waren es zwölf Prozent.
Mitte Januar wurde eine Umfrage im Auftrag des Bundesfamilienministeriums veröffentlicht, laut der viele Mütter gern mehr arbeiten würden – wären die Rahmenbedingungen besser. Demnach würden 45 Prozent der Befragten ihre Arbeitszeit erhöhen, wenn Unternehmen stärker auf ihre Bedürfnisse eingehen würden, etwa durch flexible Arbeitszeitmodelle. Mehr dazu lesen Sie hier.
Bundeskanzler Friedrich Merz hat sich wiederholt über die vermeintlich fehlende Leistungsbereitschaft der Deutschen aufgeregt. Zuletzt hatte er erklärt, Deutsche würden sich zu häufig krankmelden, und die telefonische Krankschreibung kritisiert. Was an Merz’ Vorwürfen zum Krankenstand dran ist, lesen Sie hier.
Originally published at Der Spiegel




