Stromkreise schließen, Steckdosen anbringen, Leitungen verlegen – das sind drei Dinge, die Alicia Härtel an ihrem Ausbildungsberuf besonders gut gefallen. Die 20-Jährige ist im zweiten Lehrjahr zur Elektronikerin für Betriebstechnik. Gemeinsam mit anderen Auszubildenden lernt sie im ABB Ausbildungszentrum Berlin die praktischen Grundlagen ihres Berufs. Ursprünglich wollte Härtel ein Duales Studium starten. Weil sie abgelehnt wurde, hat sie sich für eine Ausbildung beworben – mit Erfolg.
Doch längst nicht alle jungen Menschen in Deutschland finden aktuell einen Ausbildungsplatz. Während die Bewerberzahlen im vergangenen Jahr gestiegen sind, ist die Anzahl der Ausbildungsstellen in den Betrieben und Unternehmen deutlich eingebrochen, so das Bundesinstitut für Berufsbildung. Mit 530.300 Stellen wurden 2025 mehr als 25.000 Ausbildungsplätze weniger registriert als noch 2024. Demnach wurden über 10.000 Ausbildungsverträge weniger abgeschlossen als im Vorjahr.
Ein Trend, den Daniel Terzenbach von der Bundesagentur für Arbeit seit drei Jahren beobachtet. Unternehmen meldeten weniger Ausbildungsstellen an, auch aus Frust über ungeeignete Bewerbungen, so Terzenbach.
Alicia Härtel kennt die schwierige Suche nach einem Ausbildungsplatz aus ihrem Umfeld, sagt sie: “Es gab einige Kollegen, die wirklich an die 100 Bewerbungen geschrieben haben. Und von denen sich circa 20 zurückgemeldet haben und davon auch nicht alle mit einer positiven Rückmeldung.”
Im bundesweiten Durchschnitt kommen aktuell 93 Bewerberinnen und Bewerber auf 100 Ausbildungsstellen. Doch je nach Region fallen die Zahlen deutlich anders aus. So bewerben sich in Berlin, Hessen, Nordrhein-Westfalen und Bremen wesentlich mehr Interessierte auf nur wenige Stellen. In Bundesländern wie Thüringen und Mecklenburg-Vorpommern dagegen ist die Bewerberlage laut Terzenbach deutlich entspannter. In den östlichen Bundesländern sei der demografische Wandel viel stärker, dort gebe es mehr Ausbildungsplätze als in Ballungszentren wie etwa dem Ruhrgebiet.
Dort macht sich die angespannte Wirtschaftslage bemerkbar. Der Ausbildungsmarkt gerät in diesen Regionen zunehmend unter Druck. Viele Unternehmen würden aktuell ihre Ausbildungskapazitäten abbauen, sagt Bundesarbeitsministerin Bärbel Bas bei einem Termin im Berliner ABB Ausbildungszentrum. Und das sei “der falsche Weg, denn wir brauchen auch in Zukunft Fachkräfte”, so die SPD-Politikerin.
Auch die Bundesagentur für Arbeit beobachtet das. Viele Unternehmen seien in erster Linie damit beschäftigt, akute wirtschaftliche Krisen zu bewältigen, sagt Terzenbach. Dennoch versuchten manche trotz finanzieller Engpässe, Auszubildende einzustellen.
Die Bundesagentur für Arbeit rät jungen Menschen dazu, sich beruflich auszuprobieren – etwa in einem Praktikum. So könnten sie herausfinden, ob die Berufspraxis den eigenen Wünschen und Vorstellungen entspricht. Terzenbach empfiehlt außerdem eine Berufsberatung. Und ein “möglicher Plan B oder sogar C” sei wichtig.
Bundesarbeitsministerin Bas sieht in überbetrieblichen Ausbildungszentren eine Chance, mehr jungen Menschen eine Lehrstelle zu verschaffen. Die Verbundausbildung sei hilfreich, sagte die SPD-Vorsitzende. Azubis könnten zudem oft von einer besseren technischen Ausstattung als in kleineren Betrieben profitieren. Bas verwies darauf, dass fast 55 Prozent der jungen Arbeitslosen keine Ausbildung hätten. Im ABB Ausbildungszentrum etwa werden nach eigener Aussage rund 700 Auszubildende in Zusammenarbeit mit 150 Partnerunternehmen in 13 Berufen ausgebildet.
Große Zentren seien aber nicht alles, so Bas. Um Arbeitslosigkeit zu bekämpfen, brauche es vielfältige Hilfen wie Jugendberufsagenturen, Ausbildungen mit Assistenz und Langzeitpraktika. “Man muss erst längerfristig mal ausprobieren, ob man in einen technischen Bereich will”, sagte Bas. Auch müsse man das Leben der jungen Menschen ganzheitlich betrachten. “Viele schrecken davor zurück, in der Region etwas weiter wegzuziehen, weil sie eine neue Wohnung brauchen”, sagte sie. Wer mehr junge Menschen in Ausbildung bringen wolle, müsse auch für bezahlbaren Wohnraum und Mobilitätshilfen sorgen.
Alicia Härtel hat ihren Ausbildungsplatz gefunden. Bemängelt aber, dass es zu ihrer Schulzeit nicht genug Informationen über Ausbildungsmöglichkeiten gegeben hat. Für viele sei deswegen klar gewesen: Erst das Abitur, dann ein Studium. Härtel wünscht sich, dass dieses Bild aufgebrochen und der Fokus nicht nur darauf gelegt wird, dass alle jungen Menschen studieren. “Denn wir haben einen extremen Fachkräftemangel und da brauchen wir nicht nur Studenten, sondern auch viele junge Leute, die Ausbildungen machen”, sagt sie.
Dass junge Menschen oft große Fragezeichen im Kopf haben, wenn es um ihre berufliche Zukunft geht, erlebt auch Terzenbach von der Bundesagentur für Arbeit. Schulabgängerinnen und -abgänger stellten sich inzwischen andere Fragen als früher. Nicht nur, was die eigenen Eltern beruflich machen, beeinflusse die Jugendlichen. Fragen nach dem Sinn und beruflicher Erfüllung würden immer wichtiger – hinzu kämen vielfältigere Berufsmöglichkeiten als früher. “Es kommt aber natürlich auch auf Arbeitsbedingungen und auch auf die Haltung von Unternehmerinnen und Unternehmern und Belegschaften gegenüber ihren Azubis an”, so Terzenbach.
Wer es erstmal schafft, einen Ausbildungsplatz zu bekommen, hat gute Berufsperspektiven. “80 Prozent wurden nach der Ausbildung in sozialversicherungspflichtige Beschäftigungen übernommen”, sagt Daniel Terzenbach. Das sei eine deutlich höhere Quote als sonst.
Gute Perspektiven bieten sich auch für Frauen. Noch locken technische Ausbildungsstellen vor allem Männer an. Alicia Härtel, die angehende Elektronikerin für Betriebstechnik, wünscht sich, dass sich das ändert. Junge Frauen sollten “sehen und hören, dass es auch sehr schön ist, als Frau in solchen Berufen zu arbeiten und dass wir darin auch sehr gut sein können”.
Dieses Thema im Programm: BR24 | Nachrichten | 23.01.2026 | 15:51 Uhr
Originally published at Tagesschau



