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Kurden unter Druck: Türkische Ziele im innersyrischen Konflikt

“Freiheit für Rojava”, skandiert die aufgebrachte Menge am Dienstag. Rojava, so wird die kurdische Selbstverwaltungszone im Nordosten Syriens genannt. Nur einige hundert Meter von dieser Zone entfernt, auf der anderen Seite der türkischen Grenze, haben sich hunderte Menschen versammelt. Die pro-kurdische DEM-Partei hat die Demonstration organisiert.

Tuncer Bakırhan, Co-Vorsitzender der Partei, spricht zur Menge: “Wie gestern stehen wir auch heute an der Seite des Volkes von Rojava, das für seine Ehre, seine Identität und seine Sprache kämpft. Wir stehen an der Seite unserer kurdischen Geschwister dort.” Ihr Protest richtet sich gegen den Militäreinsatz der syrischen Regierung in den kurdischen Gebieten Syriens.

Dann eskaliert die Demonstration. Pro-kurdische Demonstranten versuchen über die Grenze nach Syrien zu gelangen und werfen Steine auf türkische Sicherheitskräfte. Sie wollen sich der kurdischen Mobilmachung in Syrien anschließen und mitkämpfen. Mit Wasserwerfern und Tränengas drängt die Polizei die Demonstrierenden zurück.

In den vergangenen Wochen war der innersyrische Konflikt aufgebrochen. Seitdem rücken Regierungstruppen immer weiter in den Nordosten des Landes vor und töten und vertreiben die kurdischen Kräfte. Seit Dienstagabend gilt ein Waffenstillstandsabkommen, das aber wohl immer wieder gebrochen wird.

Hintergrund des Konflikts ist die Frage, wie die Kurden in das neue syrische Staatsgefüge integriert werden sollen. Die Kurden verlangen Autonomie, die syrische Regierung dagegen will die Kurdengebiete kontrollieren. Ihr Ziel ist es, als Zentralstaat das ganze Land zu kontrollieren.

Das ist auch im Sinne des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan: “Zunächst möchte ich mit großer Zufriedenheit betonen, dass die syrische Armee diese sensible Operation in jeder Phase mit größter Umsicht geführt und während des gesamten Einsatzes mit nahezu chirurgischer Präzision gehandelt hat, um sicherzustellen, dass Zivilisten keinen Schaden erleiden”, erklärt Erdoğan nach einer Kabinettssitzung. Das Vorgehen sei “in jeder Hinsicht lobenswert”.

Wie schon in der Vergangenheit soll die syrische Armee Unterstützung von der türkischen Luftwaffe erhalten haben. Das berichten kurdische Zeitungen. Zudem verstärkt die Türkei ihre militärische Präsenz an der Grenze, lässt Panzer und Transportwagen auffahren.

Türkische Truppen halten nach wie vor Gebiete im Norden Syriens besetzt. Die von der Türkei als Pufferzone bezeichneten Regionen sollen einen angeblichen “Terrorkorridor” verhindern. Ziel ist aber vor allem, einen kurdischen Staat zu verhindern.

Dass die Kurden, beziehungsweise die Milizen-Allianz Syrian Democratic Forces (SDF), jetzt mit dem Rücken zur Wand stehen, liegt im Interesse Ankaras. Die Entwicklungen der letzten Tage hätten die Verhandlungsposition der SDF offensichtlich geschwächt, erklärt der türkische Politikwissenschaftler Sinan Ülgen im Interview mit tagesschau.de.

“Daher wird erwartet, dass die SDF nicht länger eine organische Struktur wie die PKK sein werden, sondern sich der syrischen Armee anschließen und sich in sie integrieren werden, zumindest was einige ihrer Elemente angeht”, sagt Ülgen. “Dies ist natürlich das Hauptziel der Türkei.”

Und doch ist die türkische Unterstützung für Syriens Übergangspräsidenten Ahmed al-Scharaa auch eine innenpolitische Gefahr. Denn der kurdisch-türkische Friedensprozess in der Türkei ist noch lange nicht abgeschlossen. Im vergangenen Mai hatte die kurdische Arbeiterpartei PKK ihre Auflösung und das Ende ihres bewaffneten Kampfes gegen den türkischen Staat erklärt. Seitdem laufen Verhandlungen über den Frieden.

Karte: Syrien mit dem Fluss Euphrat. Schraffur: von Kurden kontrollierte Gebiete laut ISW, Stand 24.1.2026

Ahmet Türk von der pro-kurdischen DEM-Partei sieht diese Verhandlungen durch den Militäreinsatz in Syrien gefährdet: Die Türkei betrachte die Kurden weiterhin als potenzielle Gefahr und “ist nicht bereit, dass die Kurden eine freie, gerechte und gleichberechtigte Verwaltung erhalten”, so Türk. “Wir verfolgen dies seit langer Zeit und sehen, dass es dem Prozess hier großen Schaden zufügt.”

Für die türkische Regierung scheint der geopolitische Einfluss aber zumindest im Moment zu überwiegen. Sie will auch verhindern, dass Israel, das ebenfalls Teile Syriens besetzt hat, stärkeren Einfluss in der Region und Syrien erlangt.

“Die von Israel geäußerte Alternative ist eine schwache Zentralregierung, aber eine lockerere Struktur, in der die autonomen Regionen die Macht innerhalb der verfassungsmäßigen Struktur Syriens behalten”, sagt Politikwissenschaftler Ülgen. “Die Türkei bevorzugt jedoch eine andere Variante. Eine starke Zentralregierung und eine Verfassungsstruktur, die die Autonomie der autonomen Regionen einschränkt.”

Im Rennen um die Vormacht in Syrien scheint sich nun zunächst die Türkei durchgesetzt zu haben.

Dieses Thema im Programm: NDR Info | Nachrichten | 21.01.2026 | 19:00 Uhr

Originally published at Tagesschau

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