Es ist ein klirrend kalter Januartag in der mittelanatolischen Stadt Tokat. Das Thermometer zeigt minus drei Grad. Sündüz Akkan, Mutter von drei Kindern, zieht sich warm an und macht sich auf den Weg zu ihrer ehemaligen Arbeitsstelle. Şık Makas heißt die Fabrik, in der sie bis Oktober angestellt war. Im Sommer blieben dort plötzlich die Löhne der insgesamt 1700 Angestellten aus. Am 7. Oktober legten sie die Arbeit nieder. Doch statt einer Lösung folgte der Schock: Am nächsten Tag wurde 1000 Beschäftigten via SMS gekündigt.
Akkan: “Wir fordern nur, was uns zusteht”
Seitdem protestieren Sündüz Akkan und ihre Kollegen vor den Toren ihres ehemaligen Arbeitgebers. In einem Solidaritätszelt versuchen sie, die Aufmerksamkeit auf ihre prekäre Lage zu lenken. Ihre Beharrlichkeit hat sich zumindest teilweise ausgezahlt: Die ausstehenden Gehälter wurden vergangene Woche überwiesen.
Zudem gelang es ihnen, den berüchtigten “Code 22” als Entlassungsgrund aus ihren Akten entfernen zu lassen. Dieser Code steht für “sonstige Gründe “, entzieht den Arbeitnehmern jedoch jeglichen Anspruch auf Arbeitslosengeld oder Abfindungen. Nun wurde der besagte Code auf Druck der Protestierenden aufgehoben. Doch der Kampf geht weiter: Denn die Arbeiter fordern ihre noch immer ausstehenden Abfindungen. “Mehr als drei Jahre habe ich hier gearbeitet”, erzählt Akkan. “Jetzt werden wir behandelt wie Bettler, obwohl wir nur fordern, was uns zusteht.”
Prekäre Arbeitsbedingungen und Leistungsdruck
Auch Buse Kara, Sprecherin der entlassenen Gruppe, wurde im Oktober gekündigt. Kurz darauf wurden gegen sie Ermittlungen wegen angeblicher Beleidigung des türkischen Präsidenten aufgenommen. Nach 16 Tagen Hausarrest steht sie nun wieder bei den Protesten in vorderster Reihe. Kara berichtet von einem Klima des Mobbings und enormen Leistungsdrucks im Betrieb. Zuletzt seien die Toilettenpausen auf maximal fünf Minuten und die Gebetszeit auf zehn Minuten begrenzt gewesen. “Solange man nicht ohnmächtig wurde oder unerträgliche Schmerzen hatte, durften wir nicht einmal die Krankenstation aufsuchen”, berichtet sie.
Auf eine Anfrage der DW weist Şık Makas die Vorwürfe zurück. In einer schriftlichen Erklärung teilt die Firma mit, dass alle Praktiken im gesetzlichen Rahmen und im Einklang mit gewerkschaftlichen Regelungen stünden.
Das 1939 gegründete Unternehmen gehört zu den 500 größten Industrieunternehmen der Türkei und exportiert nach eigenen Angaben jährlich 20 Millionen Denim-Produkte – vor allen nach Europa. Marken wie Zara, Levi’s, H&M, Only oder Jack & Jones lassen hier produzieren; zudem vertreibt das Unternehmen die eigene Marke Cross Jeans in Deutschland, Polen, Tschechien und weiteren Ländern. Doch trotz dieser Größe steht Şık Makas unter massivem Druck durch die galoppierende Inflation und die hohen Zinsen der vergangenen Jahre. Wie viele andere verlagert das Unternehmen deshalb Teile der Produktion ins günstigere Ägypten.
Strukturkrise einer Schlüsselindustrie
Die Textil- und Bekleidungsindustrie ist traditionell ein Pfeiler der türkischen Wirtschaft und Einkommensquelle für Hunderttausende Familien.
Offiziell arbeiten rund 1,1 Millionen Menschen in diesem Sektor, doch Gewerkschafter gehen von einer weit höheren Zahl aus, da viele Geflüchtete, Frauen und Kinder schwarz beschäftigt würden.
Mehmet Türkmen, Vorsitzender der Gewerkschaft BİRTEK-SEN, betont, dass in der Branche fast ausschließlich der Mindestlohn gezahlt wird, der derzeit unter der Armutsgrenze einer vierköpfigen Familie liegt (ca. 650 Euro brutto). Unbezahlte Überstunden und Arbeit an Feiertagen seien an der Tagesordnung. Türkmen kritisiert zudem, dass immer mehr Firmen in ländliche Regionen Anatoliens ausweichen, um staatliche Zuschüsse zu kassieren. Somit werden laut Türkmen die Löhne dort weiter gedrückt, da dort hohe Arbeitslosigkeit herrscht.
Massiver Verlust von Marktanteilen in der EU
Während die Unternehmer über hohe Rohstoffpreise und steigende Produktionskosten klagen, zeigen die bloßen Zahlen das Ausmaß der Krise. In den vergangenen drei Jahren gingen in der Branche 380.000 Arbeitsplätze verloren; allein 2025 schlossen 4500 Unternehmen. Besonders alarmierend ist die Entwicklung auf dem wichtigsten Markt: der Europäischen Union.
Während die großen Konkurrenten China und Bangladesch ihre Einfuhren in die EU steigerten, brachen die türkischen Exporte ein. Nach Angaben des Verbandes der Istanbuler Textilexporteure stiegen die EU-Einfuhren aus China im Zeitraum Januar bis Mai 2025 um 21,8 Prozent, und die aus Bangladesch um 17,9 Prozent. Im selben Zeitraum sanken die türkischen Exporte – als drittgrößter Handelspartner nach China und Bangladesch – um 5,1 Prozent. Von den zehn größten Textillieferanten der EU haben lediglich die Türkei und Tunesien im selben Zeitraum Marktanteile verloren. Da mehr als 60 Prozent der türkischen Bekleidungsproduktion für die EU bestimmt sind, ist die Sorge in der Branche existenziell.
2025 fiel erstmals seit 30 Jahren der Anteil der türkischen Fertigkleidung am EU-Markt unter 5 Prozent, der am Weltmarkt nach 35 Jahren unter 3 Prozent.
Pessimistische Prognose
Şeref Fayat, Ratsvorsitzender für Fertigkleidung bei der Union der Kammern und Börsen der Türkei (TOBB), blickt pessimistisch in die Zukunft. Solange die Regierung am Devisenmarkt interveniere, um die Lira künstlich stabil zu halten, während gleichzeitig die Kreditzinsen extrem hoch blieben, sehe er keine Chance auf Besserung. Zwar hat Präsident Recep Tayyip Erdoğan versprochen, den staatlichen Zuschuss pro Beschäftigtem im Sektor auf 3.500 Lira anzuheben (umgerechnet knapp 69 Euro), um die Entlassungen zu bremsen und Einstellungen zu fördern, doch die Arbeitgeber fordern das Doppelte.
Mustafa Paşahan, stellvertretender Vorsitzender der Vereinigung der Exporteure von Fertigkleidung und Konfektion in Istanbul (IHKİB), warnt eindringlich: “Wir haben den Tiefpunkt erreicht; wir sind mit unserer Kraft am Ende.”
Noch deutlicher wird Jak Eskinazi, Vorsitzender der Vereinigung der Exporteure von Textilien und Rohstoffen in der Ägäis (ETHİB). Er kritisiert die aktuelle Politik der Regierung als destruktiv für die Produktion: “Wir haben keine Erwartungen mehr an diese Politik. Wir versuchen nur noch, uns selbst zu retten.”
Originally published at Deutsche Welle




